Foto: Lars Breitzke

Hinter dem HSV Solingen-Gräfrath liegen ereignisreiche Monaten. Allen voran die Premieren-Saison in der 2. Liga verlangte den Spielerinnen des HSV alles ab. Die Spielzeit 2019/20, die durch das Coronavirus ein vorzeitiges Ende nahm, war für den Aufsteiger eine echte Achterbahnfahrt. Für Trainerin Kerstin Reckenthäler, die viele Jahre im Jugendbereich der Werkselfen arbeitete, war es die schwerste Phase ihrer Trainerkarriere. Dennoch blickt die ehemalige Rechtsaußen optimistisch auf die kommende Saison. 

Insgesamt brauchte Kerstin Reckenthäler nur sechs Monate, um den HSV Solingen-Gräfrath in die zweite Bundesliga zu führen. Im Oktober 2018 übernahm Reckenthäler das Traineramt beim HSV und feierte im April 2019 den Aufstieg in Liga zwei. Zusammen mit Steffi Osenberg bildet die A-Lizenzinhaberin ein funktionierendes Duo, welches vor allem für die Entwicklung junger Talente steht. Ohnehin ist Kerstin Reckenthäler nicht nur in Fachkreisen für ihre exzellente Arbeit mit jungen und entwicklungsfähigen Spielerinnen bekannt. 2013, 2014 und 2018 führte die ehemalige Nationalspielerin die weibliche A-Jugend des TSV Bayer Leverkusen zur Meisterschaft. Auch in Solingen setzt Reckenthäler auf eine junge und talentierte Mannschaft, die allerdings in ihrer Premieren-Saison reichlich Lehrgeld zahlen musste. In der für beendet erklärten Saison 2019/20, gewann der HSV nur drei, von insgesamt 22 Meisterschaftsspielen. Eine Bilanz, die unter normalen Umständen den Abstieg in Liga drei bedeutet hätte. Aufgrund der Corona-Pandemie und der Entscheidung der HBF, keinen Absteiger zu benennen, wird der HSV in der kommenden Spielzeit aber erneut in der 2. Liga an den Start gehen.

Die Mannschaft von Trainerin Kerstin Reckenthäler bekommt also eine neue Chance sich zu beweisen und eine, zumindest aus statistischer Sicht, schwache Saison auszumerzen. Denn wer einige Spiele des HSV live verfolgen konnte, sah ein Team, welches nie aufgab und über weite Strecken der Spieldauer auf Augenhöhe mit dem Gegner agierte. Was fehlte war meist das nötige Spielglück und Erfahrung. Zudem sah man talentierte Spielerinnen, die sich auch dank der Arbeit Reckenthälers schnell an das Niveau der zweiten Liga gewöhnten. So überraschte zum Beispiel Kreisläuferin Carina Senel oder Rückraumspielerin Vanessa Brandt, mit starken Leistungen. Allerdings reicht Talent meist nicht aus, um auf diesem Niveau konstant erfolgreich zu sein. Was dem HSV für eine erfolgreichere Spielzeit fehlte, war Erfahrung. Zwar stand mit Mandy Reinarz eine gestandene Spielerin im Kader, doch in der breite des Kaders fehlte es an weiteren Routiniers, die mit Leistung voran gingen. Die Verantwortlichen haben dies erkannt und für die kommende Saison reichlich Erfahrung und Führungsverantwortung nach Solingen locken können. Reckenthäler hat nun eine Mannschaft beisammen, die eine gesunde Mischung aus jung und alt besitzt.

frauenhandball.com hat sich mit Kerstin Reckenthäler ausführlich über die Kaderplanung des HSV unterhalten. Zudem berichtet die Trainerin im Interview von Zweifeln und wagt einen Ausblick auf die kommende Saison. 

Frau Reckenthäler, der HSV Solingen-Gräfrath befindet sich seit einigen Wochen in der Vorbereitung auf die kommende Spielzeit. Welchen Eindruck machen ihre Spielerinnen bisher auf Sie?

Wir haben relativ früh nach dem Abbruch der Saison den Kader beisammengehabt, sodass wir bereits ab Mitte April individuelle athletische Pläne herausgeben konnten. Das hat uns ermöglicht gut vorzuarbeiten. Seit dem 1. Juni konnten wir dann mit dem neuen Kader in die Halle und dort die athletische Vorarbeit mit Handballtraining fortsetzen, natürlich immer unter der Berücksichtigung, dass die Mädels zehn Wochen keinen Ball in der Hand hatten. All das lief sehr gut. Die ersten beiden Juliwochen waren nochmals hallenfreie Zeit und nun befinden wir uns seit dem 20. Juli in der zweiten Vorbereitungsphase. Dort geht es verstärkt um gruppen- und mannschaftstaktische Maßnahmen, die aber auch immer noch mit einem hohen athletischen Anteil verbunden sind. Die Mädels arbeiten bisher sehr konzentriert, bei hoher Intensität und finden sich bereits jetzt sehr homogen zusammen. Ich könnte nicht zufriedener sein.

Der HSV startet direkt mit einem echten Highlight in die neue Saison. Am 5. September, vorausgesetzt die Situation um das Coronavirus lässt es zu, gastiert ihr Team beim TV Beyeröhde. Wie sieht der Fahrplan bis zum Saisonstart aus? Unter anderem nehmen Sie ja an einem Turnier in Kirchhof teil.

Genau, wir werden am Heinrich-Horn-Turnier in Melsungen mitspielen. Darüber hinaus liegt die erste und zweite Phase unserer Vorbereitung bereits hinter uns. Nun warten am nächsten Wochenende die ersten Testspiele gegen zwei Drittligisten bei uns zuhause in Solingen auf uns. Mit Aldekerk kommt der letztjährige Westmeister und mit dem ASC Dortmund ein Drittliga-Aufsteiger. Das passt sehr gut, um die Woche darauf gut gerüstet zum Kirchhof-Turnier fahren zu können, wo sehr starke Teams auf uns warten. Das wird sicherlich interessant, obwohl ich Ergebnissen in der Vorbereitung keine Priorität einräume. In erster Linie geht es darum uns auf dem Spielfeld zu finden und verschiedene Formationen auszutesten. Mitte August (14.08.-16.08.) fahren wir abschließend noch ins Trainingslager nach Ameland, wo der Fokus ganz auf uns selbst liegt.

Blicken wir noch einmal kurz auf die zurückliegende Spielzeit. Meist sagt man ja, die erste Saison nach einem Aufstieg ist immer die einfachste, da man die große Unbekannte der Liga ist und nur überraschen kann. Rückblickend war es für den HSV aber eher eine schwierige Spielzeit, mit mehr Rückschlägen als Tiefen. Wie bewerten Sie die Premieren-Spielzeit in Liga zwei? 

Ich bin nie davon ausgegangen, dass die Saison einfach werden würde. Wir wussten erst am letzten Spieltag der damaligen Drittligasaison, dass wir aufsteigen. Zudem gestaltete sich die Suche nach geeigneten Neuzugängen schwierig, eben weil der Aufstieg spät feststand und auch finanzielle Mittel fehlten, um gestandene Spielerinnen zu verpflichten. Obwohl wir eine gute Vorbereitung hatten und zu Beginn auch ordentliche Spiele abgeliefert haben, konnten wir nicht punkten, sodass von Woche zu Woche mehr Last auf unseren Schultern lag. Ich selbst habe da schon sehr gezweifelt und gegrübelt, was man hätte anders machen können. Erst mit Anfang des neuen Jahres haben wir es dann geschafft, wieder an uns selbst zu glauben und Punkte zu sammeln. Für mich als Trainerin war es sicherlich die bisher schwerste Saison meiner Karriere.

Haben Sie persönlich nach der Saison auch eine Bilanz gezogen, was Sie hätten besser oder anders machen können? 

Ja. Wie gesagt, ich habe immer wieder sehr viel nachgedacht und mich kritisch hinterfragt. Handball ist eine Sportart, in der es oft verschiedene und mehrere Lösungsmöglichkeiten für eine Situation gibt. Das macht Handball für mich so faszinierend. Deswegen gibt es auch Situationen, die im Nachhinein mit einer anderen Entscheidung vielleicht besser gewesen wären, aber dass weiss man halt leider nie vorher. Meiner Meinung nach, haben uns Erfolgserlebnisse zu Beginn der Saison gefehlt, dann wäre vieles anders gelaufen. Aber so war es nicht, von daher nehmen wir eine Menge Erfahrung vom letzten Jahr mit in die neue Saison.  Wie das Team sich Anfang des Jahres aus einer schwierigen Situation aktiv heraus gekämpft und den Glauben an die eigene Stärke wiederentdeckt hat, war beeindruckend. Das zeigt, dass in der Mannschaft viele gute Charaktere sind.

Zurück zur Aktualität. Der Kader des HSV hat sich im Sommer durchaus verändert. Sind Sie generell mit der Kaderplanung zufrieden?

Wir mussten viele Abgänge verzeichnen und waren gezwungen auf Suche nach Spielerinnen zu gehen, die uns sportlich wirklich weiterhelfen können und auch menschlich ins Team passen. Lara Karathanassis und Luca Tesche standen recht schnell als Neuzugänge fest, weil sie auch gekommen wären, wenn wir in der 3. Liga gespielt hätten. Mit beiden hatte ich während der Saison schon Kontakt. Luca kannte ich aus Leverkusen, Lara über Carina Senel. Beide gehen in ihre erste 2. Ligasaison und brauchen sicherlich noch ein wenig Zeit, um sich an das höhere Niveau zu gewöhnen, aber die guten Trainingsleistungen sind vielversprechend. Mit Alina Bohnen und Barbara Bongartz stehen zudem seit dieser Saison zwei Eigengewächse fest im Kader, die ihre Chancen am Kreis und auf Linksaußen bekommen werden und Carina Senel und Franziska Penz ergänzen.

Mit Melina Fabisch und Natascha Krückemeier Sie auch zwei erfahrene Spielerinnen nach Solingen locken können. Was erwarten Sie von den beiden?

Dass wir Taschi und Melina gewinnen konnten, hebt unsere Qualität deutlich an. Taschi ist Teamplayer durch und durch und sie kannte ich aus meiner Zeit in Leverkusen, als sie mich als Torwarttrainerin in der Meistersaison unterstützte und ihre jetzige Kollegin Lisa Fahnenbruck coachte. Auch das die beiden sich so super verstehen, ist natürlich ein Glücksfall, von dem wir profitieren können. Melf bereichert unser Spiel auf Rückraum rechts erheblich, macht uns dynamischer und gefährlicher auf dieser Position. Ich mag ihre Art zu spielen und halte sehr viel von ihr.

Ein weiterer spannender Neuzugang ist  Cassandra Nanfack, die von den Luchsen aus Rosengarten-Buchholz nach Solingen kam. Was kann man von ihr erwarten?

Cassi konnten wir erst vor knapp vier Wochen für uns gewinnen, als der Kontakt über Luchse Manager Sven Dubau zustande kam, den ich ganz gut kenne. Sie ist schnell, dynamisch und unglaublich flexibel einsetzbar, kann eigentlich überall im Feld eingesetzt werden. Da werden wir noch einiges entwickeln können.

Kann man mit dieser Mannschaft und der guten Mischung aus jungen und erfahrenen Spielerinnen überhaupt in Abstiegsgefahr geraten?

Ja natürlich. Da die Liga nur aus 14 Teams und ohne einen Aufsteiger besteht, ist die Liga unglaublich kompakt und eng beisammen. Hinzu kommt die Tatsache, dass drei Teams absteigen, das heißt wir müssen mindestens den 11. Tabellenplatz erreichen. Jeder Punkt zählt und es wird jede Woche um ganz wichtige Punkte gehen. Dennoch gehen wir sehr positiv in die nächsten Wochen und freuen uns auf die Saison.

Abschließend noch eine provokante Frage, mit Blick auf das erste Saisonspiel gegen Beyeröhde-Wuppertal. Vergleicht man die getätigten Verpflichtungen des TVB und des HSV, so kann man ja schon fast von einer Wachablösung im Bergischen Land sprechen. Gehen Sie persönlich und ihre Mannschaft also als Favorit in das erste Saisonspiel gegen die Handballgirls?

Um ehrlich zu sein schaue ich wenig nach links und rechts, sondern konzentriere mich ausschließlich auf mein Team. Es sind für alle schwere Zeiten und der TVB musste einige Abgänge vermelden, konnte sich aber auch einige gute Zugänge sichern. Dort ist nach wie vor hohe Qualität vorhanden. Natürlich ist das Derby zu Saisonbeginn ein Kracher, dem die Mädels entgegenfiebern und natürlich würden wir gerne mit einem Sieg in die Saison starten.